Jane Goodall, British ethologist, kisses Pola, a 14-months-old chimpanzee baby of the Budapest Zoo, that she symbolically adopted in Budapest, Hungary, FOTO: Bela Szandelszky / AP Photo / picture alliance

Dr. Jane Goodall

Jane Goodall revolutionierte die Primatenforschung, als sie vor genau 60 Jahren, ausgerüstet mit einem Zelt, ein paar Blechtellern, einer Tasse und einem billigen Fernglas, nach Tansania in den Nationalpark Gombe ging, um mit den Schimpansen dort zu leben und sie zu studieren. Dank ihrer Erkenntnisse wissen wir von den vielen Fähigkeiten und Gefühlen, die diese Menschenaffen mit uns teilen.

Ihr 1977 gegründetes „Jane Goodall Institute for Wildlife, Research, Conservation and Education“ ist eine globale Gemeinschaft von Instituten in über 30 Ländern, die daran arbeitet, Jane Goodalls Vision einer grüneren Zukunft des Planeten Wirklichkeit werden zu lassen. Die heute 86-Jährige, deren tiefe Spiritualität, Kraft und herzlicher Humor jeden begeistern, der ihr begegnet, erzählte uns im exklusiven Interview von der Schönheit der Natur, mit der ihre Berufung sie vertraut machte.

Haben Schimpansen einen Sinn für Schönheit?

Dr. Jane Goodall: Wir können es nicht wissen. In der Wildnis sind sie auf ihre sozialen Kontakte konzentriert und darauf, genügend Nahrung zu finden. Aber manchmal sitzen sie in einen schönen Sonnenuntergang versunken da. Vielleicht sehen sie seine Schönheit.


Immerhin verbringen sie viel Zeit mit der wechselseitigen
Fellpflege. Wie ordnen Sie das ein?

Das hat nichts mit Schönheit zu tun. Das „Grooming“ ist beruhigend, wie wenn Sie das Haar eines anderen streicheln.


Besitzen Schimpansen künstlerische Fähigkeiten?

In Gefangenschaft kann man Schimpansen das Malen beibringen. Einige lieben es. Wenn sie etwas zeichnen oder malen, dann achten sie darauf, dass ihr Bild auf die Seite passt. Und wenn sie etwas in die rechte Ecke setzen, balancieren sie es mit etwas in der linken aus. Der Schimpanse
Congo war berühmt für seine Fächermuster. Vielleicht sehen wir bei ihm die Anfänge eines Sinns für Ordnung und Schönheit.


Ihren Forschungen zufolge vermeiden Schimpansen Streitigkeiten, wenn ein starkes Alpha-Männchen sie diszipliniert. Sie teilen Handküsse aus und kultivieren elaborierte Begrüßungsgesten. Darf man hier von artigen Umgangsformen sprechen? Nein, es kommt ihnen nur auf die richtige Reaktion an. Und wenn sie dominant sind, erwarten sie, dass ihre Untergebenen sich gefügig zeigen.
Aber ohnehin herrscht unter Schimpansen einer Gruppe meist Harmonie, vor allem in Gefangenschaft.

In der Wildnis können sie einfach weglaufen, aber in Gefangenschaft sind sie auf die Gruppe angewiesen und werden zu Meistern der Konfliktlösung. Denn sie hassen Konflikte. Wenn ein junges Tier verprügelt wurde, beruhigt es sich erst nach einer versichernden Berührung seitens
des Aggressors.

Sie erzählen auch von den Regentänzen der Schimpansen. Die führen sie auf, wenn starker Regen einsetzt und wenn sie an einen Wasserfall kommen. Danach habe ich ein Männchen still sitzen und dem Fall des Wassers folgen sehen. Es schien, als wäre es vom Wasserfall zu Gefühlen der Ehrfurcht motiviert.

Wenn sie sprechen könnten, würden sie darüber diskutieren: „Wasser, was ist das? Es hört einfach nicht auf zu fließen.“

Eine der faszinierendsten Geschichten aus Gombe ist die der recht alten Schimpansin Flo und ihrer Anziehungskraft. Obwohl sie hässlich war, rissen sich die Männchen darum, sie zu begatten.
Bei Tieren ist das ziemlich normal. Flo hatte einfach Sex-Appeal.

Sie erzählen auch von der Heldenverehrung junger Schimpansen. Liegen hier die Wurzeln des Idealismus? Ich würde nicht so weit gehen. Aber dieses Verhalten ähnelt dem der menschlichen Kinder, die ihre Vorbilder an die Zimmerwand heften. In der Schule haben wir uns ständig in ältere Mädchen verliebt und alles, was sie taten, imitiert.

Dr. Jane Goodall ist ein lebendes Beispiel dafür, wie viel ein einzelner Mensch verändern kann. Mit einer Schimpansen-Patenschaft kann jeder mithelfen, den Artenschutz zu unterstützen. Mehr dazu unter janegoodall.de

Liegt solchen Verhaltensweisen nicht ein Sinn für Perfektion zugrunde? Sie sind sehr vorsichtig, wenn es darum geht, Schimpansen edle Gefühle zuzusprechen.
Wenn Sie ihnen Fähigkeiten zuschreiben, die wir Menschen dank unserer Sprache entwickelt haben, besteht die Gefahr, dass man Ihnen gar
nichts mehr glaubt. Ich habe für die Anerkennung der intellektuellen Begabung der Schimpansen, ihrer Charakteranlagen und ihres Gefühlsvermögens kämpfen müssen. Ich bin gegen die wissenschaftliche Meinung ins Feld gezogen, dass nur Menschen Persönlichkeit, Intellekt und Emotionen besitzen.

Ich musste sogar darum kämpfen, sie bei ihren Namen nennen zu dürfen. Dabei sind sie uns so ähnlich, wir teilen mehr als 98 Prozent unserer Erbmasse. Dem musste die Wissenschaft ihre Vorstellungen irgendwann anpassen.


Sie haben für fast fünfzig Schimpansen individuelle Namen gefunden. War es leicht, sich die Gesichter zu merken? Oh ja! Das ist wie mit einer Gruppe von Kindern.

Sie haben jahrelang in der Wildnis gelebt. In Ihren Büchern beschreiben Sie Momente geradezu mystischer Intensität in der Natur. Ohne Frage ist die Schönheit von Gombe und vieler dieser Orte, an denen es keine Hinweise auf Menschen gibt, euphorisierend. Für mich sind sie die allerschönsten. Aber auch alte Kathedralen geben mir ein Gefühl von Schönheit, von Zeitlosigkeit und dem Wunderbaren.


Sie haben eine solche Erfahrung in der Notre-Dame in Paris erwähnt. Was war das genau?
Als ich eintrat, begann die Orgel zu spielen, und die Sonne kam durch die großen Rosettenfenster. Ich war mir plötzlich sicher, dass dies nicht aus Chaos erschaffen worden sein kann. Ich dachte an die unglaublichen Köpfe, die diese Kathedrale gebaut hatten, an die Handwerkskunst der Glaser und an Bach, der diese Orgelmusik geschrieben hatte. Das alles konnte nicht durch blinden Zufall entstehen.


Ist die spirituelle Energie, die Sie erfahren haben, etwas den Gedanken Entsprungenes, oder gibt es etwas, das mit diesem Gefühl korrespondiert? Sie beruht nicht auf dem Denken, sie ist ein Sinn für die Wunder der Natur, für das Einssein, dafür, dass jedes Ding seinen Platz hat. Und der Sinn für eine große spirituelle Macht.

Ich fühle diese Macht, besonders im Wald. Ob andere daran glauben oder nicht, mir gibt sie Kraft.


Als Sie erstmals aus Gombe zurückkehrten, um in England zu studieren, waren Sie betroffen von der Hässlichkeit der Zivilisation.
Absolut, und ich bin es immer noch. Es ist noch schlimmer geworden. Wir betonieren immer größere Teile der Natur ein, und sie rächt sich. Der Klimawandel, die aktuelle Pandemie sind von unserem Mangel an Respekt für die Natur und die Tiere verursacht. Wir zerstören die Schönheit.

Hat diese Entwicklung damit zu tun, dass unser Kopf nicht mehr in Kontakt mit unserer Natur ist?
Unser Intellekt ist von unserem Herzen abgeschnitten, von Liebe und Mitleid. Wir denken nur noch an schnellen Gewinn. Für künftige Generationen wird nichts übrig bleiben.

Der Weihnachtsmann, die Schönheit des Schnees. Infolge des Klimawandels werden wir uns neue Schönheiten ausdenken müssen.

Dr. Jane Goodall


Brauchen Kinder die Natur, um ein Gefühl für Schönheit zu entwickeln?
Das hilft sicher. Es kann sich auch im späteren Lebe einstellen. Aber das große Problem heute sind Kinder, die zu viel Zeit mit den sozialen Medien vergeuden. Besonders kleine Kinder brauchen die Natur für eine günstige psychologische Entwicklung. Und es ist bewiesen, dass die Kriminalitätsraten in Problemvierteln fallen, wenn man Bäume und Blumen anpflanzt.

Sie schrieben, dass Sie Probleme mit dem Erinnern menschlicher Gesichter haben.
Ich bin gesichtsblind. Zum Glück ist die Schwäche nicht sehr ausgeprägt. Wenn ich mit Menschen oder Schimpansen näher umgehe, erkenne ich
sie wieder. Bei manchen Menschen ist das viel schlimmer. Es gibt jemanden, der seine eigene Sekretärin noch nach zehn Jahren nicht wiedererkannte.

Sie haben Walter de la Mare, den britischen Dichter und Autor von Romanen und Kinderbüchern, zitiert: „Schau am Ende die schönen Dinge an, in jeder Stunde“. Ist das Ihr Geheimnis? Ich tendiere dazu, im Moment zu leben. Das gibt mir Hoffnung. Die Menschen werden depressiv, weil sie so viel Zeit damit verbringen, an all die Probleme der Welt zu denken. Aber wir können nur den kleinen Teil gut machen, der uns aufgegeben ist: Unseren eigenen kleinen Bach sauber halten, unseren Abfall sinnvoll entsorgen und den Menschen helfen, die uns nah sind und die wir verstehen.

Ihr eigenes Stück Verantwortung ist Ihnen früh bewusst geworden. Sie sind als Kind nicht nur liebend gern auf Bäume geklettert, Sie haben „Tarzan“ verschlungen und die Bücher von Afrikaforschern gelesen. Dieses Land war von Anfang an Ihr Ziel. Sind Sie mit einer Mission zur Welt gekommen? Ja, das bin ich wohl. Ich habe das Gefühl, deshalb hier zu sein. Die Pandemie hat natürlich vieles verändert. Ich reise nicht länger mit Vorträgen um die Welt. Aber durch Zoom, Skype und dergleichen erreiche ich viel mehr Menschen, Hunderttausende mehr. Und viel mehr Länder.

Dann ist der Virus für Ihre Sache von Vorteil?
In mancher Hinsicht, aber nichts ersetzt ein Treffen von Angesicht zu Angesicht. Ich möchte die neuen Medien so gut beherrschen, dass die Menschen die Energie spüren, wenn ich mit ihnen spreche.

Was ist Schönheit für Sie?
Ich könnte sie nicht definieren. Schönheit ist für verschiedene Menschen verschieden. Einige Menschen finden eine bestimmte Frau schön, andere
stimmen nicht zu. Der eine findet einen Baum in Blüte schön, der andere sieht Schönheit in moderner Architektur. Einige finden die alten Meister
schön, andere moderne Kunst. Unsere Geschmäcker sind verschieden, das mag an unserer Erziehung oder an unserer Kultur liegen.

Sie haben mit eineinhalb Jahren einen Plüschschimpansen
geschenkt bekommen, den viele zu hässlich für ein kleines Kind fanden. Waren Sie auch der Meinung?

Natürlich nicht! Die anderen fanden ihn nicht hässlich, sie dachten, er würde mir Angst machen. Er hatte die Größe eines Schimpansenkindes.

An anderer Stelle sprechen Sie von der „schönen Hässlichkeit“ eines neugeborenen Babys. Wie kann Hässlichkeit schön sein?
Das Schöne ist einfach, dass diese unglaubliche kleine Kreatur auf einmal in der Welt ist mit kleinen perfekten Fingern, Nägeln und Ohren. Das
Gesicht hat noch keine Form und ist ein wenig zusammengedrückt. Aber die Schönheit kommt später, auch alle Schimpansenbabys werden schön.

Sie haben sich entgeistert gefragt, warum um Himmels willen unsere Vorfahren je von den Ästen herabgestiegen sind. Oben in den Bäumen profitieren Sie von der Brise und haben eine gute Aussicht. Weiter unten ist alles mühsam. Aber wir können uns nicht mehr
von Ast zu Ast bewegen. Die Schimpansen haben längere Arme und einen besseren Zugriff.

Sie verbrachten Weihnachten oft im Busch.
Es hat sich nicht wie Weihnachten angefühlt. Ich verbinde damit die Aufregung, die man als Kind empfindet, die Schönheit des Schnees, die Weihnachtsgeschichten, den Weihnachtsmann. Aber
infolge des Klimawandels werden immer weniger Regionen diese schöne Zeit genießen können. In Südengland gibt es keinen Schnee mehr. Wir werden uns neue Schönheiten ausdenken müssen.