Die weltweit bekannte Kapelle Notre-Dame-du-Haut nach Plänen von Le Corbusier (1887-1965) hat die Kirchenarchitektur des 20. Jahrhunderts revolutioniert. Sie steht auf dem Hügel Bourlémont in Ronchamp im Département Haute-Saône. Photo, undat.

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Seit 21 Jahren arbeitet Christoph Felger für den britischen Architekten Sir David Chipperfield. Er half die Berliner Dependance von David Chipperfield Architects (DCA) mit mittlerweile mehr als 130 Mitarbeiter*innen aufzubauen.

Nach einer Möbeltischlerlehre studierte er Produktdesign und Architektur in London. Als Design Director und Partner ist Christoph Felger für zahlreiche Projekte im In- und Ausland verantwortlich, wie für den Hauptsitz von Amorepacific in Seoul, die Erweiterung des Kunsthauses Zürich und den Elbtower in Hamburg.

Sie sind Design Director im Büro David Chipperfield. Beschäftigen Sie sich vor allem mit ästhetischen Fragen?

Christoph Felger: Wir setzen uns in unseren Entwurfsprozessen eigentlich sehr wenig mit ästhetischen Fragen oder der Wahrnehmung von Schönheit auseinander. Natürlich tauchen sie ab und zu auf, vor allem im Zusammenhang mit Formen, die eigenartige oder gar verstörende Assoziationen in uns hervorrufen. Da fragen wir uns schon: Dürfen wir das?

In den Chipperfield-Projekten spielen neben der historischen Bausubstanz auch das soziale Miteinander und dafür förderliche Räume eine wichtige Rolle, also die moderne Umsetzung der antiken Agora.

Den von ähnlichen Gebäudetypologien gefassten, offenen, zentralen Platz, der in den Städten des antiken Griechenlands dem öffentlichen Debattieren und dem Erproben von Demokratie vorbehalten war – davon träumen wir Architekten noch heute. Karl Friedrich Schinkel hat diese Idee des leichten Ineinanderlebens von Innen und Außen nach Deutschland gebracht. Wir haben durch unsere Beschäftigung mit der Berliner Museumsinsel diese Orte plötzlich überall entdeckt: Den Kolonnadenhof vor der Alten Nationalgalerie, die Treppenhalle des Neuen Museums, die ja eigentlich ein Außenraum, ein Wandelraum ist.

Wir haben dieses räumliche Motiv mit der großen Freitreppe in der James Simon-Galerie wieder aufgenommen. In ihrer Großzügigkeit empfangen und orientieren solche Orte den Besucher. Wir nennen sie gern überflüssige Räume.

Sie haben in Seoul den Firmensitz für ein großes Kosmetikunternehmen gebaut und dafür gesorgt, dass die Läden im Parterre keinen Gewinn machen müssen.

Das war eine harte Auseinandersetzung. Von Anfang an hat uns die Frage beschäftigt, welchen gesellschaftlichen Beitrag Gebäude über sich hinaus leisten. Wir sind durch Kultur- und Museumsbauten bekannt geworden, wo es einfacher ist, die Bedeutung solcher Orte zu vermitteln. Den Geist der antiken Agora haben wir heute verloren und damit den Sinn für Orte, die eine Auswirkung auf das friedliche Miteinander in Würde und Wohlstand haben.

Verkümmert Architektur, wenn sie kein Bewusstsein für den humanen Sinn „überflüssiger“ Räume mehr hat?


Ich gehe so weit zu sagen, dass Architektur, der es nicht gelingt, diesen Raum außerhalb ihrer eigentlichen Funktion zu finden, nicht großartig sein kann. Denn man findet ja doch eine Funktion dafür, die Menschen halten sich darin auf und treffen sich dort. Für mich ist das die Schönheit der Architektur, wenn wir solche Räume kreieren können.

Christoph Felger, Foto: Marion Schönenberger für David Chipperfield Architects

Schönheit ist ein Geschenk, keine Sache, auf die ich einen Anspruch habe. Es ist ein innerer Zustand, in den ich mich bringen muss, um sie wahrzunehmen.

Christoph Felger

Ist Schönheit noch ein Aspekt der Architektenausbildung?

Eine solche Ausbildung gibt es nicht. Meine ästhetische Bildung verdanke ich der Tatsache, dass ich in einem Zisterzienserkloster aufgewachsen bin. Mein Vater ist mit uns öfters nach Ronchamp gefahren, zur Corbusier Kapelle. Meine Eltern waren Teil einer religiösen Kommune, die alte Zisterzienserklöster saniert und wieder zum Leben gebracht hat.

Spielten im Studium all diese Dinge keine Rolle?

Während meines Studiums an der Architectural Association School of Architecture in London gab es ein unausgesprochenes Gesetz: Es war geradezu verpönt, über ästhetische Fragen nachzudenken, geschweige denn die Thematik in Projekten zu verankern. In den drei Studienjahren haben wir kein einziges Mal über Schönheit oder ihre möglicherweise gesellschaftliche Bedeutung gesprochen.

Ich war wie vom Blitz getroffen, als einer meiner externen Prüfer, der spanische Architekt Elías Torres, nach meiner Abschlusspräsentation aufsprang und laut sagte: „What a beautiful project!“

Was stand stattdessen im Zentrum der Ausbildung?

Wir haben uns mit den „echten“ Problemen beschäftigt, den sozialen Fragen von Städtebau und Architektur. Meine Professoren argumentierten, dass in einem Land wie Großbritannien, wo damals wohl weniger als fünf Prozent der gebauten Umwelt aus der Hand ausgebildeter Architekt*innen
stammten, die Rolle des Architekten als Entwerfer schöner Gebäude irrelevant sei. Während eines Studienaufenthalts in Nordirland, mitten in der politischen Krise der 90er-Jahre, forderten sie uns mit der Frage heraus, welche Relevanz ein schöner Entwurf in einer solchen Situation haben kann, wenn an diesem Ort die dringlichste Frage die der
Sicherheit ist.

In unserer Arbeit ist es erst einmal wichtiger herauszufinden, wie sich ein Gebäude anfühlt, als wie es aussieht. In unserem Büro diskutieren wir Fragen der Nachhaltigkeit, wie wir zu bezahlbarem Wohnraum beitragen können und wem die Stadt eigentlich gehört. Aber vielleicht ist diese Tatsache der Situation geschuldet, dass wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben, in der die Antworten auf ästhetische Fragen vielfältig sind.

Sicherheit war in England ein wichtiger Punkt. Aber hat Schönheit nicht auch mit Schutz zu tun?


Ich würde lieber Geborgenheit als Schutz sagen, weil Schutz ausgrenzend wirkt. Und ich verbinde mit Schönheit nichts Ausgrenzendes, immer was Inklusives. Es gibt von Rilke einen wunderschönen Vortrag über Dinge. Er war persönlicher Sekretär von Auguste Rodin und begeistert von diesem
Bildhauer. Deshalb ist er in Deutschland herumgereist und hat mit dem Vortrag praktisch Marketing für Rodin betrieben.

Über Schönheit sagt er zum Beispiel, dass sie nicht geschaffen werden
kann. Menschen können sie nicht machen. Lustigerweise hat sich mein Vater dieses Taschenbuch während seines Kunststudiums gekauft und es
mir mitgegeben, als ich mit 17 von zu Hause weg bin. Das ist für mich zu einem Manifest geworden.

„Schönheit”, schreibt Rilke, „ist immer etwas Hinzugekommenes, und wir wissen nicht, was. Man kann nur freundliche oder erhabene Umstände schaffen für das, was manchmal bei uns verweilen mag.“

Das denke ich auch: Schönheit ist ein Geschenk, keine Sache, auf die ich Anspruch habe. Es ist ein innerer Zustand, in den ich mich bringen muss, um sie wahrzunehmen.

Es geht also darum, eine Empfangsstation für sie zu schaffen.

Genau. Deshalb kann ich über meine Architektur auch nicht sagen, dass sie schön ist. Uns beschäftigen ganz andere Dinge.

Die Höhe einer Türklinke zum Beispiel?

Das ist Ergonomie. Wenn sie zu tief sitzt, habe ich ein Problem. Wenn sie da sitzt, wo sie sitzen muss, dann erzeugt sie ein schönes Gefühl. Und das ist eben das, was kommt und geht. So verstehe ich die Architektur. Mich interessiert es nicht, Denkmäler zu schaffen.


Sie sprechen von der heute beliebten ikonischen Architektur.


Ich möchte wissen, wofür ich etwas schaffe, was der gesellschaftliche Mehrwert ist. Was heute passiert, ist maßlose Willkür. Das kommt daher, dass die Bauherren, wenn sie viel Geld investieren, auch etwas Besonderes haben wollen. Dabei denke ich oft, das beste Lob, das wir für unsere Gebäude erhalten können, ist, dass die Menschen, die sich in ihnen aufhalten, gerne dort sind, und zwar nicht weil sie wissen, dass die Gebäude von berühmten Architekten gebaut wurden, sondern einfach, weil sie dem menschlichen Treiben dienlich sind, gut funktionieren und eine gute Atmosphäre entfalten. Eine Stadt kann nicht nur aus besonderen Gebäuden bestehen.

Aus Skulpturen gewissermaßen.

Für mich ist Architektur nicht Kunst. Künstler sollten auf keinen Fall mit Begrenzungen arbeiten. Ihr Tun hat nichts mit einem Zweck zu tun. Architektur ist genau das Gegenteil. Wir müssen Limitierungen akzeptieren. Ein Kollege hat einmal gesagt: Ein guter Architekt muss Grenzen umarmen. Man sollte die Rahmenbedingungen nicht bekämpfen.

Diese Geisteshaltung würde ich im Übrigen auch als schön bezeichnen. So machen wir es, wir finden in den Begrenzungen neue Horizonte.

Besonders die ersten Erfahrungen prägen unsere Schönheitswahrnehmung. Ich verbinde mit Schönheit Erfahrungen von Vertrautheit, Geborgenheit, Zugehörigkeit und Erhabenheit.

Christoph Felger


Wenn Sie als Kind schon Erfahrungen mit dem Zusammendenken von traditionellen Gebäudestrukturen gemacht haben, dann mussten Sie vielleicht bei David Chipperfield landen.

Das angelsächsische Kulturverständnis von Traditionen, Bewahren und Weiterbauen hatte ich als junger Architekt nicht auf dem Schirm. Aber
was mich bei Chipperfield und insgesamt in England fasziniert hat, war dieses Unheroische, Pragmatische. Auf der kontinentalen Seite gab es das Bedürfnis nach Neuem, Radikalem, Einzigartigem. In England hat man ganz
locker um die Bestände herumgebaut. Der Pragmatismus stellt immer eine Verbindung zur Geschichte her.

Wobei die angelsächsische Baukultur sich seiner heute entledigt hat.

Sie haben Ihre Ausbildung mit einer Tischlerlehre begonnen. Wurde Ihre Ästhetik davon beeinflusst?


Ich habe bei meinem Meister gewohnt. Um fünf Uhr morgens musste ich als Erster in der Werkstatt sein, vor allem im Winter, um zu heizen. Das Laisser-faire der Jugendzeit war vorbei. Plötzlich hieß es Pünktlichkeit und Verantwortung. Der Meister hat fast nicht gesprochen, wie Tischler halt
so sind. Er lehrte durchs Vormachen. Ich musst beobachten und so lange nachmachen, bis er nickte.

Und wenn er im Holzspeicher war, stand er stundenlang da, ging von Stamm zu Stamm, drehte die ungehobelten Holzbohlen hin und her,
dabei musste ich ihm helfen. Ich habe mich immer gefragt, was er da macht! Irgendwann habe ich begriffen: Er hat ein Bild im Kopf von dem, was er jetzt erschaffen muss. Er kennt das Holz so gut, mit den Kernen, Jahresringen und allem, was eine Rolle für den kommenden Prozess spielt.

Ich hatte das Gefühl, er ist in dem Moment eins mit dem
Holz. Das war seine Berufung. Ich habe in dieser Zeit etwas über die Bedeutung von Stille, Verbindlichkeit, Ausdauer, Beharrlichkeit und Disziplin gelernt. Vielleicht auch Hingabe, und Schönheit hat viel damit zu tun.


Wie würden Sie persönlich diese Schönheit, die der Mensch nicht machen kann, definieren?

Es ist ein Gefühl, das auftritt, wo ich Schönheit wahrnehme. In der Architektur benutze ich den Begriff nicht. Aber ich ertappe mich immer wieder, dass ich Menschen, Orten oder Dingen das Attribut von Schönheit zuschreibe. Meiner Freundin sage ich häufig, wie schön sie ist und wie ich mich daran erfreue, sie einfach zu betrachten. Die Wahrnehmung von Schönheit folgt einem über Jahre unbemerkt aufgebauten inneren
Katalog von Bewertungsmaßstäben, die wir vielleicht zuerst von unseren Eltern übernehmen und durch Lebenserfahrungen weiterentwickeln.

Besonders die ersten Erfahrungen prägen unsere Schönheitswahrnehmung. In meinem Fall waren es jahrhundertealte spirituelle Orte, die eine starke bleibende Erinnerung hinterließen und Auswirkung auf mein Verständnis von Schönheit hatten. Ich verbinde mit Schönheit Erfahrungen von Vertrautheit, Geborgenheit, Zugehörigkeit und Erhabenheit.