Wohnraum der Zukunft: Karim Rashids aktueller Entwurf für ein Apartmentgebäude, das sich durch seine wechselnde, wellige Glasfassade auszeichnet Photo by Eric Laignel, Courtesy of Karim Rashid Inc.

Der New Yorker Produkt- und Interieurdesigner Karim Rashid ist ein unermüdlicher Erneuerer, der weltweit für seine biomorph-fließenden Formen und seinen unverwechselbaren Farbsinn geschätzt wird.

Er vertritt einen sinnlichen Minimalismus, der nicht Verknappung, sondern humane Notwendigkeit ins Zentrum stellt. Seine holistischen Räume sind starke Statements, seine Objektwelt ist begehrenswert und taktil. Und doch war die Verwirklichung dieser selbstbewussten Ästhetik für den in Kanada aufgewachsenen Sohn eines ägyptischen abstrakten Malers und einer englischen Mutter kein Weg ohne Hindernisse.

Es gibt ein Manifest von Ihnen, in dem Sie sagen, dass jedes Unternehmen sich ganz auf Schönheit konzentrieren sollte, weil sie ein menschliches Grundbedürfnis sei. Aber ist das wirklich so?


Karim Rashid: Wenn Sie sich unsere Geschichte anschauen, das alte Ägypten beispielsweise, dann werden Sie staunen, was dort alles im Namen der Schönheit erfunden wurde: Make-up, Parfum, Rasierer, Haarstile … Oder denken Sie an Griechenland in der Antike, in dem sich das gesamte Leben um Schönheit drehte. Wir brauchen Schönheit, weil wir zur Natur gehören, und die Natur ist unglaublich verführerisch und schön. Trotzdem bevorzugen Sie starke Popfarben. All meine Farben stammen aus der Natur, von Blüten, dem Schillern der Schlangen, dem Sonnenuntergang


Warum ist unsere Umwelt dann so monoton?

Im Norden ist die Natur freudloser, größtenteils eher grau, braun und beige. Deshalb toleriert man Farben nur in kleinen Dosen. Ich habe die Theorie, dass die meisten Erfindungen im Norden gemacht wurden, weil die Menschen sich dort in ihr Inneres zurückziehen. Aber am Mittelmeer oder in Südamerika leben die Menschen unter intensiven Farben.


Sie haben Ihr Design einen Ausdruck Ihrer Seele genannt. Sie sind in Kanada aufgewachsen, einem nördlichen und farblich eher reservierten Land. War es ein Prozess für Sie, sich zu Ihrer Ästhetik zu bekennen?


Als Kind mochte ich die Natur nicht, ich habe sie gemieden und für feindlich gehalten. Und als ich zum Studium des Industriedesigns nach Ottawa ging, waren die meisten meiner Lehrer aus Deutschland oder den Niederlanden. Meine Ausbildung war sehr teutonisch. Wir mussten unsere Entwürfe in Schwarz, Weiß und Grau ausführen. Wenn ich meinen Vater besuchte und mir seine wilden, farbenprächtigen Gemälde anschaute, waren sie mir fast peinlich. Aber letztlich habe ich viel von ihm gelernt.

Wir brauchen Schönheit, weil wir zur Natur gehören, und die ist unglaublich verführerisch und schön.


Was ist Schönheit für Sie?

Die fugenlose Verbindung von innen und außen, dem Unbewussten und der Umwelt. Die Wirklichkeit sollte sich auf den Körper einstellen und alle Sinne ansprechen. Unser Leben wird beschwingt, wenn wir Schönheit, Komfort, Luxus, Leichtigkeit und Funktionalität zugleich erfahren. Inhalt spielt bei der Schönheit von Dingen eine entscheidende Rolle. Deshalb sind Funktionalität, Form, Material und mühelose Nutzbarkeit in einem schönen Raum oder Objekt nicht voneinander zu trennen.


Nach dem Studium sind Sie zu Ettore Sottsass, dem Gründer der Memphis-Designbewegung, in die Lehre gegangen.

Hat diese Zusammenarbeit Sie geprägt?

Sottsass hat mir beigebracht, dass ein Entwurf gut ist, wenn er nicht übermäßig dekoriert und verschönert wurde. Wenn Sie die Ausschmückung wegnehmen und der Gegenstand immer noch funktioniert, dann handelt es sich mehr um Stil als um Design. Nur bei gutem Design lassen sich die Teile nicht vom Ganzen trennen.

Nennen Sie sich deshalb einen Minimalisten?

Ich würde bei meinem Design von sinnlichem Minimalismus sprechen, nicht von einem Minimalismus der Knappheit. Wir leben in einer gleichförmigen Welt. Sinnlichkeit droht verloren zu gehen. Auf einem Singapore Air-Flug vor zehn Jahren habe ich nach einem Immobilienmagazin gegriffen. Darin wurde ein gläsernes Hochhaus mit einem typisch monochromen Livingroom vorgestellt. Es gab eine Couch im Bauhaus-Stil, einen runden, cremefarbenen Teppich, eine Achille Castiglioni-Stehlampe und einen Noguchi-Glastisch.

Auf Flügen nach Moskau und Tel Aviv fand ich in den Bordmagazinen Interieurs in exakt demselben Stil. Die Welt ist eintönig und homogen geworden. Das Design bedient den kleinsten gemeinsamen Nenner, der keinen brüskiert. Aber man muss den Alltag aufrütteln. In der digitalen Welt sind Unterbrechung und Störung Prinzip, nur übersetzt sich
das kaum in unsere Lebenswelt.

Hängt unsere Selbstwahrnehmung den Entwicklungen hinterher?

Die Menschheit ist konservativer geworden, und das Design auch. Wenn Sie einen Stuhl googeln, wird man Ihnen Hunderte von Modellen zeigen. Das Ergebnis ist, dass zeitgenössisches Design nur noch Vergangenes kopiert. Man muss von einem anderen Planeten kommen, um von Konventionen frei zu sein. Viele Ihrer Möbelstücke und Interieurs erinnern an Science Fiction-Visionen. Die Sci-Fi-Generation der Sechziger hat eine futuristische Welt vorgestellt, wie man sie in Filmen wie „Clockwork Orange“ bestaunen kann. Aber jetzt haben wir die technischen Mittel, um diese Ideen auch in unserer Lebenswelt zu verwirklichen.

Sie deuten an, dass wir diese kreative Seite im Digitalzeitalter verlieren könnten.


Das Internet wird nie etwas Neues erfinden. Deshalb sind auf der Mailänder Designmesse viele schöne Dinge zu sehen, aber sie sind nur Überarbeitungen vergangenen Designs.

Warum sollte man nicht in einer Welt voller Kopien leben?


Weil das menschliche Wesen kreativ ist. Jeder möchte auf seine Art einzigartig sein, ganz gleich, ob Sie Banker oder Chirurg sind. Der eine erfindet eine neue Art des Zahlungsverkehrs, der andere einen neuen chirurgischen Schnitt.

Wie schaffen Sie es, mit der Gegenwart Schritt zu halten?

Man muss die Gewohnheiten und Bedürfnisse der Menschen studieren, um die eigene Zeit zu verstehen. Ich frage mich ständig, warum ich etwas mache: Woher kommt dieses Art-déco-Element in meinem Entwurf? Ich habe gerade eine Dokumentation über Philip Johnson gesehen. Er hat 1986 das Lippenstift-Hochhaus in Manhattan entworfen. Es ist unglaublich hässlich, aber es war ein gültiger Ausdruck seiner Zeit.

Für die Hotelkette Prizeotel haben Sie originelle, attraktive Räumlichkeiten entworfen, vor allem Lobbys und Restaurants, die auf Anhieb euphorisieren.

Prizeotel ist zwar ein konventionelles Hotel, ich versuche ihm aber atmosphärisch das Gefühl mitzugeben, dass man als Gast an einem ganz neuen Ort ist und eine unvergleichliche Erfahrung macht. In den Zimmern musste ich mit dem sehr niedrigen Budget von 4000 € auskommen. Mit größeren Mitteln könnte ich noch viel mehr erreichen.

In welchem Maße profitiert Ihre Arbeit von technologischen Fortschritten?

Immens. Neues Design ergibt sich fast immer aus neuen technischen Möglichkeiten. Ich war kürzlich in Shanghai im 98. Stockwerk eines Hotels. Das Zimmer war attraktiv, die Möblierung aus leichtem Material, alles State of the Art. Aber sobald ich auf den Flur trat, war ich mit einer absurden
Menge schwerer Materialien konfrontiert, mit Verkleidungen aus Marmor und Stein. Einzig und allein aus stilistischen Gründen hatte man
dem Gebäude so viel Gewicht hinzugefügt. Das liegt an einer antiquierten Vorstellung von Schönheit und Luxus, die heute ihre Bedeutung verloren
hat. Ohne diese Verzierungen wäre das Hochhaus leichter, weniger teuer und würde weniger CO2 verbrauchen. Wenn ich Gebäude entwerfe, versuche ich mit leichtem Material zu planen, z. B. mit Fenstern, die durch Glasfaser verstärkt sind. Eine Struktur, die weniger Energie verbraucht, weil sie weniger Stützpfeiler hat, übersetzt sich für den Nutzer in ein leichteres Lebensgefühl, in größere Transparenz. Das ist der Luxus von heute.

Das Time Magazine nannte Sie 2001 den „Plastikprinzen”. Was halten Sie von diesem Spitznamen in einer Zeit, in der die Sorge um biologische Abbaubarkeit groß ist?


Es gibt so viel, was wir ohne synthetische Materialien nicht machen könnten. Sollten Sie in einem Krankenhaus landen, in dem es die nicht gibt, dann würden Sie sterben. Von einfachen Spritzen bis zum künstlichen Herzen ist alles aus Plastik. Die zeitgenössischen Polymere sind sehr fortgeschritten und vollständig abbaubar. Sie ermöglichen uns Formen und humane Lösungen, die noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar waren.

Sie haben Gebäudekonzepte entworfen, die absolut futuristisch anmuten. Einige sind scheinbar spielerisch gestapelt, bei anderen handelt es sich um atemberaubende Visionen aus Glas. Glauben Sie, dass Totalverglasung heute noch ein begehrenswerter Aspekt ist, wenn man an die Überwachungsdiskussion denkt?

Für mich hat Transparenz mit Ehrlichkeit zu tun.
Früher haben wir Häuser mit dicken Wänden gebaut, aber heute ist das nicht mehr nötig. Wir können unsere Bedürfnisse mit viel weniger erfüllen. Aktuelle Glashüllen sind hocheffektiv, sie speichern Sonnenlicht, und man kann sie verdunkeln, wenn man seine Privatsphäre wahren möchte.

Wie beeinflusst die Corona-Krise Ihre Arbeit?


Ich arbeite an einem Restaurant, für das mein Auftraggeber
um mehr Raum zwischen den Tischen bat. Er wollte auch keine Bar, weil die Gäste sich dort zu nahekommen, und er glaubt, dass wir noch für zwei, drei Jahre mit Einschränkungen leben müssen. Das war sehr klug von ihm. Im Moment ist eine Bar Platzverschwendung. Statt die Tische einfach in zwei Meter Entfernung voneinander aufzustellen, haben wir ein Design gefunden, in dem es mehr abgeschlossene Inseln und Trennungselemente gibt. So fühlt man sich nicht von den anderen Tischen isoliert, sondern
genießt die Intimität und den Komfort eines Kokons wie in den Diner-Boxen der fünfziger Jahre. Damit wird die Möblierung wichtiger als die Architektur. Ich finde diese Verschiebung im Denken sehr inspirierend. Übrigens habe ich in den letzten Monaten von meinem New Yorker Apartment aus gearbeitet. Das hat mich hochsensibel für Kleinigkeiten gemacht, die für das Homeoffice verbessert werden können. Die Lösungen für unsere Probleme befinden sich direkt vor unseren Augen, man muss sie nur sehen.