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©Le Labo, The Essence, gestalten 2019

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gespräche

Duft und Sinnlichkeit

Wie funktioniert das Riechen? Welchen Geruch haben die Jahreszeiten? Und wie riechen Angst und die Klimakrise?

Der renommierte Berliner Verlag „gestalten“ hat sich dem am meisten unterschätzten Sinnesorgan gewidmet und zum allerersten Mal die ganze Welt des Duftes in einem großen Buchprojekt erfasst.

Die Inspiration für das 288-seitige Werk war der Wunsch nach einer tiefen und umfassenden Erforschung des Duftes. Nicht nur von Parfums und deren Herstellung, sondern auch im Hinblick auf den kulturellen Einfluss, die Psychologie, die Geschichte und mit Blick in die Zukunft.

„Wir wollten etwas erschaffen, das Laien und Experten gleichermaßen anspricht. Und das neue Erkenntnisse rund um das Thema Duft liefert“, so Carla Seipp. Vom alten Ägypten über die Entwicklung der ersten ikonischen Parfums im 18. Jahrhundert bis hin zu Massenproduktion und Duftmarketing im 21. Jahrhundert: Das Buch beleuchtet unterhaltsam wie informativ die historischen und kulturellen Ursprünge der Düfte und Parfums.

Sind Sie beim Zusammenstellen des Buches auf neue, überraschende Details gestoßen?

Carla Seipp: Mit der Entwicklung der Parfum-Industrie von Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute war ich bereits recht vertraut, daher haben mich die Duftpraktiken in den archaischen Kulturen und im Mittelalter
sehr fasziniert. Nicht nur im Hinblick auf Parfums, sondern auch auf duftende Accessoires, Duft in Häusern oder bei religiösen Ritualen.

Sehr glücklich bin ich auch darüber, dass ich mich mit Jonathan Reinarz austauschen konnte, dem Autor von „Past Scents: Historical Perspectives on Smell“. Ein absolut empfehlenswertes Buch, für alle, die sich für die Geschichte des Dufts interessieren.

Die überraschendste Entdeckung machte ich im wissenschaftlichen Bereich: Einige unserer Gene bestimmen, welchen Duft wir haben, und weil jeder Mensch unterschiedliche Gene hat, hat jeder seinen eigenen Geruch. Bei der Partnerwahl beeinflusst uns der Körpergeruch des anderen. Die Natur hat es so eingerichtet, dass wir jemanden bevorzugen, der genetisch möglichst verschieden von uns ist.

Das Leben ist ein großartiger Anlass für Parfum.

Gibt es eine „Weisheit“, die Sie uns in Bezug auf Parfum ganz besonders ans Herz legen möchten?

Gehen Sie immer weiter auf Entdeckungsreise, und haben Sie keine Angst vor Experimenten. Es lohnt sich, auch mal links und rechts der Duft-Bestseller zu schauen.

Wie ist es, über etwas zu schreiben, dass man nicht sehen oder fühlen kann?

Die Herausforderung, olfaktorische Erfahrungen in Worte zu fassen, ist einer der Hauptgründe, weshalb ich Journalistin für Düfte geworden bin. Genau wie Mode, können auch Düfte eine Textur haben. Man muss nur ein bisschen mehr graben – oder besser gesagt, riechen – um es herauszufinden.

Wann tragen Sie Parfum und gibt es einen Duft, den Sie besonders lieben?

Das Leben ist ein großartiger Anlass für Parfum. Ich trage jeden Tag Parfum und fühlte mich nackt, wenn ich das Haus ohne verließe. Anstelle eines einzelnen Lieblingsduftes sehe ich meine Parfumsammlung als eine Art Kleiderschrank, aus dem ich mich nach meiner Stimmung bediene. Ein konkretes Beispiel ist der Duft Carnal Flower von Dominique Ropion for Editions de Parfums Frédéric Malle. Aber es gibt so viele unterschiedliche Fragrances, die ich mag, weil ich tolle Erinnerungen mit ihnen verbinde.

Wie funktioniert das Riechen?

Indem Geruchsmoleküle die olfaktorischen Rezeptoren in unserer Nase berühren. Sie werden dann in elektrische Signale übersetzt, die die limbische Region des Gehirns erreichen. Dort wird diese Information in ein Geruchserlebnis verwandelt.

Nischenparfums wurden zur Spielwiese, auf der sich grenzenlose Ambitionen in duftgewordene Realität verwandeln.

Mittlerweile gibt es so viele unterschiedliche Kategorien: Was genau ist der Unterschied zwischen Mainstream- und Nischenprodukten, und was ist an den Parfums von Prestige-Marken so anders?

Der größte Unterschied zwischen Mainstream und Nische ist die Art der Produktion, Distribution und des Verkaufs im Einzelhandel. Vom größten bis zum kleinsten Markt gibt es entweder Mainstream (dies kann ein High-End- oder Massenmarkt sein) oder hochwertige Massenware (hier kämen exklusive Sortimente großer Luxusmarken ins Spiel) und Nischendüfte von kleinen, unabhängigen Marken.

Während es in der Parfumherstellung auch eine höhere Preispolitik gibt, ist ein höherer Preis in der Regel auf Produktionskosten, hochwertige Rohstoffe und maßgeschneiderte Verpackungen zurückzuführen. Nach meiner Erfahrung duften Parfums mit qualitativ hochwertigen Ingredienzen (etwa natürlichen statt synthetischen) komplexer und halten länger auf der Haut. Dennoch muss ein Duft, nur weil er teurer ist, nicht unbedingt besser sein.

Wie entstand der heutige Nischenmarkt?

Die ersten Nischenmarken kamen zwischen 1960 und 1970 auf, darunter etwa L’Artisan Parfumeur und Diptyque. Es war eine natürliche Reaktion auf die ansteigende Verfügbarkeit und Nachfrage nach Parfum. Der Markt wuchs, und für diejenigen, die einen einzigartigen spezifischen Duft suchten, wurden Nischenparfums zur Spielwiese, auf der sich grenzenlose Ambitionen in duftgewordene Realität verwandelten.

Was zeichnet sogenannte Avantgarde-Parfumeure wie Alessandro Gualtieri oder Geza Schön aus?

Erfolgreiche Avantgarde-Parfumeure müssen sich immerwährend ihrer eigenen kreativen Vision verpflichtet fühlen. Diese muss eine Lücke im Markt schließen, etwas Besonderes haben, das über den tausend anderen jährlichen Veröffentlichungen steht.

Jedes Detail, vom Design des Flakons bis zur Flüssigkeit darin, muss dieser Vision entsprechen. Bald sollen die ersten Düfte auf den Markt kommen, die von einer künstlichen Intelligenz namens Philyra kreiert wurden.
Die KI kreiert diesen Duft nicht allein. Philyra scannt eine Datenbank mit möglichen Inhaltsstoffen und Rezepturen und hilft bei der Recherche, viel Zeit zu sparen.

Auch kann sie mit unerwarteten Kombinationen überraschen. Da sie das Ergebnis aber nicht riechen kann, braucht es immer noch einen geübten Parfumeur, der das Produkt perfektioniert.

Welches sind die teuersten Inhaltsstoffe eines Parfums?

Amber, Oud und Florentiner Schwertlilie.